Die Schiffsköchin
“Mein ganzes Leben besteht nur aus Warten” höre ich Dich in meiner Erinnerung sagen, während Du auf der Fensterbank vornüber gelehnt auf die belebte Straße schautest.
Deine Stimme war ruhig, gelassen, es klang wie eine nüchterne Bilanz ohne Hadern.
Nicht bitter, aber klar.
Die Bilanz einer alten Frau,die wusste, es lag mehr Leben hinter als vor ihr.
Seltsam, dass Fragmente in den Tiefen des Hypothalamus Jahrzehnte vor sich hin dämmern, bis sie plötzlich von einem Reizwort wie die alles entscheidende Kugel mit der Lottozahl über eine Spirale ans Tageslicht befördert werden.
“Schiffsköchin” schrillte in meinem 62jährigen Kopf und produzierte dieses Bild.
Ida war das 7. Kind, Nachkömmling, Belastung, eine kleine Esserin mehr zu versorgen von Minna und deren ausgelaugten Brüsten und Anton, dem Tagelöhner.
Ein kleines Stück Land zur Selbstversorgung, ganzer Stolz und Grund für Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Es gab ein Vorkind, einen Jungen, über den nicht gesprochen wurde. Er wurde großgezogen von einer entfernten Großtante. Anton hatte Minna mit der Ehe vor Schande bewahrt, geheiratet wurde in Schwarz.
Ida hütete die Gänse sobald sie laufen konnte, täglich wartete sie auf die Rückkehr von Sofie, ihre 10 Jahre ältere Schwester ,die Ida behütete und bewahrte vor der Armut und der Resignation.
Ida war die beste Schülerin in der Volksschule.
Ihre Zeugnisse sind noch erhalten, feinste Sütterlinschrift dokumentiert das Schulleben eines hochbegabten, hochdisziplinierten Kindes.
Bestnoten selbst in den Jahren, in denen zunächst ihr Vater Anton am Heiligen Abend des Jahres 1902 an einer Lungenentzündung starb und wie ein Wink des Schicksals, ihre Mutter ihm am heiligen Abend des Folgejahres in den Tod folgte.
Bestnoten noch immer, als ihre Schwestern in “Stellung” mussten, im ganzen Land verteilt, das Zuhause konfisziert, das, was sie als Heimat kannte, für immer verloren.
Ida, inzwischen 10 Jahre alt, musste nun bei einem Waschmittelfabrikanten Tüten kleben.
Der sie im Gegenzug versorgte, sich auf alle vorstellbaren Weisen von ihr versorgen ließ, ihr aber den Schulbesuch ermöglichte.
Sofie hielt den Kontakt. Die Schwestern schrieben Briefe und besuchten sich.
Das letzte Zeugnis war das Abgangszeugnis der 14jährigen Ida.
Bestnoten.
Ida wartete auf die Post, die Besuchstage und auf das schnelle Vergehen der Zeit bis zur Selbständigkeit.
Schließlich verließ Ida den Fabrikanten, sie hatte ihre Heimat im Umkreis von 15 km noch nie verlassen und beschloss, zukünftig für sich selbst zu sorgen und die Welt zu erkunden.
Ida hatte viel gelesen in den langen Nächten des Wartens auf den neuen Tag.
Wie ein gelähmtes Vögelchen hatte sie ihren Körper verlassen und konnte ihre Flügel spreizen über endlosen Langschaften und dem Meer.
Der Ozean, wild und ungezähmt in ihr. Bis der Wecker oder der Fabrikant sie weckte und ihren Körper einforderte.
Schiffsköchin wollte sie werden! Das war ihr Ziel.
Kein Warten auf Erlösung, Nein, aus dem Vögelchen war endlich ein Phönix geworden.
Ida fand Stellung als Stubenmädchen im Haus des Direktors der Drahtindustrie in der benachbarten Stadt.
Ihre Zeugnisse beeindruckten, ihre schlanke Gestalt und die üppigen Locken auf dem Kopf werden das Übrige getan haben. Schnell arbeitete sie sich hoch zum Küchenmädchen und zur rechten Hand der Köchin, die sie mütterlich förderte und forderte, bis Ida schließlich ihre deren Stellung übernahm.
Das Leben in der Stadt gab ihr Freiheit. Sie ging tanzen mit ihren Freundinnen, wanderte in der Natur.
Nur Schwimmen lernte sie nie.
Schließlich lernte sie August kennen. Klug, humorvoll, verlässlich. Notariatsgehilfe.
Aus eigener Kraft wie sie.
Ohne Zuhause wie sie.
Mit großem Traum wie sie:
Eisenbahner werden. Mit dem Freiticket durch die Welt reisen, sicheres Gehalt, sichere Pension. Sie heirateten kurz nachdem der erste Weltkrieg losbrach und die Drahtindustrie von der Kriegswirtschaft profitierte. Ida hatte gewartet mit der Kündigung bis klar war, August würde als Eisenbahner nicht eingezogen.
Das erste Kind, ein Mädchen, wurde im letzten Kriegsjahr geboren. Ida versorgte die kleine Familie mit der Ernte aus dem kleinen Schrebergarten nicht weit entfernt von der Mietwohnung mit Balkon. Köchin war sie zu Hause. Es folgten der Sohn und eine weitere Tochter.
Ida reiste zu ihrer Schwester Sofie, die 50 km entfernt selbst eine kleine Familie gegründet hatte. Ida haushaltete eisern, Qualität war ihr wichtig, schwere massive Möbel für die Ewigkeit gebaut, zierten ihr Esszimmer. Sonntags weißes Tischtuch, gestärkt, Silberbesteck und Kristallglas auf der Tafel mit bestem Fleisch und frischem Gemüse.
August und Ida besuchten die Volkhochschule, Bildung war ihnen auch für die Töchter wichtig, freies Denken und fester Glauben waren ihre Erziehungsprinzipien.
Ida und August verfolgten die Weltlage vor dem Volksempfänger auf der Anrichte mit Spitzendeckchen und warteten ängstlich auf das Unausweichliche: Deutschland im Krieg. Wieder.
Möbel, Kristallglas und gestärkte Decken fielen schließlich den Bomben zum Opfer.
Die gesamte Häuserreihe dem Erdboden gleichgemacht, der Sohn verschollen im Krieg, die Töchter verschickt auf's Land, August wieder unentbehrlich als Eisenbahner an der Heimatfront. Der Garten blieb wie durch ein Wunder verschont.
Übrig blieb ein Zimmer mit freier Sicht auf den eiskalten Himmel, 2 Federbetten und ein Holzofen zum Kochen und Heizen...
Aphorismen
Kränkung
Kränkung ist die Chemotherapie gegen den Krebs der Eitelkeit.
Lustig
Urinverlust ist die Lust am Verlust der Lust.

Bleiben
Ist Bleiben Mut oder Zumutung?
Ist es ein Zustand zwischen Verbleiben und Vermuten?
Ohne Worte
Wenn im Anfang das Wort war,
ist dann im Ende das Machtwort?
Lyrik

Schweigen
Es gibt viele Worte, die schweigen.
Worte, die nicht gesagt werden,
Worte, die nicht gedacht werden,
Worte, die nicht gegönnt werden,
Worte, die nicht mehr vorhanden,
sondern zu Wörtern geworden sind.
Fifty shades of Nichts.
Mir schwirrt der Kopf von diesem Lärm!

Anima und Animus
Anima wird oft gedacht als Animosität.
Animus dagegen als Freund.
Anima und Animus:
Animation zum Klischee.

Identität
Ich bin, also bin ich?
Ich bin, also war ich?
Ich bin, also werde ich?
Entität als Identität in einer Quantenwelt:
Selbst als Selbstbewusstsein?